Verzweiflung

Es ist Freitag der 23. Dezember 00:01

Ich bin ziemlich durch und mein Kopf qualmt von den ganzen Telefonaten und den vielen Informationen.
Ja ich habe das Ganze reichlich unterschätzt, dass Thema mit der Schule. Nun spiele ich schon langsam ernsthaft mit dem Gedanken, mich aus Deutschland abzumelden. Um meinem Kind hier das leidige System zu ersparren. Es wird einfach schwierig wenn man aus der Norm fällt . Mit dem starrem Gerüst aus Regeln und Geboten nicht konform läuft. 
Mein Sohn Bela war schon immer eher der gemütliche Typ. Der sich mit allen entwicklungsrelevanten Dingen Zeit lies.

Ein verträumtes, ausgeglichenes Kind, das mit vielen Reizen schon im Kleinkindalter sichtlich überfordert war.

Heute ist mir klar, warum Bela mit Beginn der Kindergartenzeit, ständig mit Bronchialerkrankungen zu tun hatte. Es war schlichtweg eine Überreizung des Systems, dass sich so ein Ventil verschaffte. Ich als Mutter habe es zwar im Gefühl gehabt, dass hier was nicht stimmt, aber schlaue Leute die schließlich viele Jahre Studium hinter sich gebracht haben, wussten es einfach besser.

Kinder versuchen Ständig mit uns zu kooperieren. Sie können sich einfach noch nicht so formuliert ausdrücken wie wir Erwachsenen. Also lassen sie sich was einfallen, um ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Nur haben wir es verlernt diese Signale richtig zu deuten. Unserem Instinkt zu trauen, weil wir gelernt haben auf andere zu hören und ihre Wahrheit zu unserer zu machen.

Es sollte alles seine geregelten Bahnen gehen

Bela wurde mit sieben Jahren, im August 2016 in einer Waldorfschule eingeschult. Er hatte schon im Kindergarten, immer mal für Unbehagen seitens der Erzieherinnen gesorgt.

Morgens machte ihm manchmal die Lautstärke in seiner Gruppe stark zu schaffen, dass er gerne mal eine Zeit lang im Flur verbrachte, ehe er wieder Anschluss suchte. Auch Rituale die in der Schule ihre Bedeutung haben, stießen bei Bela nicht auf die nötige Resonanz.
Jedes mal wenn mich wieder mal eine von den Damen zur Seite nahm, um mir zu erzählen was heute wieder alles schief lief, fühlte ich mich schlecht und mit schuldig.

Gedanken stiegen in mir hoch, die sich so gar nicht gut anfühlten.

Wie z.B.: Was läuft zu Hause nur schief, bekommt er zu wenig Aufmerksamkeit von mir,….u.s.w

Unweigerlich stieg in mir die Botschaft auf: Ich bin nicht gut und mit meinem Kind stimmt was nicht…!

Es folgen Rügen, die meine Hilflosigkeit wieder spiegelten…was soll das denn in der Schule mit dir geben? Oder auch sehr gerne verwendet : Jetzt ist erst mal Schluss mit Glotzen, bis das hier wieder rund läuft.

Mein Repertoire bot natürlich noch einiges mehr.

Jede Ansprache machte was mit mit und meinem Kind. Es blieb ein Gefühl im Raum stehen.

So wie wir sind, sind wir nicht gut genug. 

Der Schulversuch

Dann kam der schon mit Unbehagen befleckte Einschulungstermin. Bela ging mit gemischten Gefühlen zu seinem „ Großen Tag“! Wir redeten animierend auf das Kind ein. Er sei doch jetzt ein großer Junge, ein richtiges Schulkind. Aber alles Schöngerede brachte nicht den gewünschten Erfolg! 

Ich wunderte mich Anfangs schon, dass wenig Rückmeldung von der Lehrerin kam. Die ersten Wochen liefen verdächtig ruhig ab. Auch Bela hatte wenig zu  berichten. Dann kann von seitens der Schule auch mal ein bisschen Feedback. Also Bela hat schon so seine Probleme, mit dem Schreiben und der Konzentration, er schließe sich auch öfters bei den morgendlichen Ritualen aus.

Da dachte ich mit doch: Na das wollen wir doch mal sehen und übte täglich a und b`s,  1, 2,  3, 5, c`s u.s.w zu schreiben. Nach ein paar Tagen wurde das Bild was sich in den Übungsheften bot, doch sichtlich besser. Aber was sich im Klassenzimmer abspielte, war wohl nicht so vorteilhaft.

All die Bemühungen seitens der engagierten Klassenlehrerin, ließen das Resultat nicht besser ausfallen. Bela sei nicht schulreif. Er kann sich nicht lange konzentrieren und würde dann den Unterricht stören. Wenn man sich vermehrt um ihn kümmern tut sei es viel besser. Aber bei einer Klassengröße von 27 Schülern, sei das nicht machbar.

Und wieder türmte sich vor mir dieser riesen Berg aus Selbstvorwürfen auf. WARUM ist es wieder mal mein Kind, was noch nicht mal in einer Waldorfschule, wo es ja schon entspannter als in einer Regelschule abgeht und trotzdem nicht klar kommt?!

Die Alternative

Zu der Zeit spielte ich aber aus privaten Gründen mit dem Gedanken, nach Süd Bayern zu ziehen.

In der Gegend gibt es einige Montessorischulen. Die schriftliche Kündigung der Waldorfschule beschleunigte meine Idee, des neuen Wege Einschlagens ungemein.

Ich telefonierte mit den in Frage kommenden Schulen. Füllte mehrseitige Fragebögen aus und machte dann kurzentschlossen einen Termin mit Bela zum Hospitieren.

Wir nahmen uns ein langes Wochenende vor, um uns ein Bild vor Ort zu machen.

Uns wurde an diesem Tag ermöglich, am Tagesablauf eines Schülers passiv und möglichst unauffällig beizuwohnen. Schon während des Besuches bemerkte ich an Bela`s Verhalten, dass sich trotz der vielen neuen Eindrücke schnell Überforderung und Langeweile einstellte.

Auch bei der gezielten Frage einer Pädagogin an Bela, ob er es sich denn vorstellen könnte hier zur Schule zu gehen, kam ein zögerndes: „Weiß ich noch nicht!“

Die Sache spitzt sich zu

Mir fällt jetzt langsam nix mehr ein. Ich sehe mich schon nach zwei Monaten vor der Schulleiterin stehen, die mir mit ruhiger aber doch sehr fester Stimme freundlich beizubringen versucht, dass das Kind irgendwie tatsächlich nicht schulreif ist.

Resignation stellt sich langsam ein. Ich habe bald keine Lust mehr und denke mir so: „ Ach, dann bleib ich halt da wo ich bin!“ 

Schnell wird mir bewusst das es in meiner Gegend, schulisch gesehen, keine Alternativen gibt.

Ich werfe alle Umsiedlungspläne über Bord und mische die Karten neu. Aber kein Ass mehr im Ärmel. Doch dann steigt aus einer Nebelbank der verklärten Gedanken, ein bis jetzt verworfenes , für mich nie greifbares Thema auf. Das Freilernen gibt´s da doch auch noch! Immer wieder hört man davon. Entspannte Eltern, die unter Palmen ihren Kinder, die am Strand ausgelassen spielen, zu sehen und dabei auch noch einen atemberaubenden Sonnenuntergang genießen.

Total unrealistisch, denk ich mir so. Aber was genau beinhaltet das natürliche Lernen denn so alles. Und ist es was für meinen Sohn? Eine Art Chinesische Mauer aus unüberwindbaren Fragen stellt sich mir wieder in den Weg. Dieser Gedanke ist so fremdartig und unreell, dass ich es schon fast lustig finde.
Es beginnt die Recherche ……

lasst euch überraschen was ich als nächstes so vorhabe!!!!

Eure, noch etwas zaghafte Marisa